Personalausweis, 30 Euro Gebühr und das Familienstammbuch

 

Friedrich Wilhelm IV legte bereits 1847 den

Grundstein für das Recht auf Kirchenaustritt

 

 

 

Das Recht auf den Kirchenaustritt ergibt sich gegenüber dem Staat aus dem Grundrecht der negativen Religionsfreiheit. Erstmals 1847 von Friedrich Wilhelm IV. in Preußen  (Foto) ermöglicht, wurden seine Bedingungen in Deutschland im Rahmen des Kulturkampfes  gesetzlich festgelegt. Die Forschung unterscheidet mehrere Kirchenaustrittsbewegungen in der deutschen Geschichte. Die erste geschah schon vor dem Ersten Weltkrieg (getragen von Sozialdemokraten und bürgerlichen Anhängern Ernst Haeckels), die zweite ab 1919 (ebenfalls vornehmlich aus der Arbeiterschaft heraus, aber auch aus dem Bürgertum).

 

 

Quelle: Wikipedia, Kirchenaustritt, abgerufen am 08.02.2015

 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

 

 

Verfahrensweise vor dem Amtsgericht.

 

Von Hartmut Prüss

 

Der Schritt fällt manchem Menschen sicherlich nicht leicht, andere mögen ihn als längst überfällig betrachten, weil sie „mit dem Verein schon lange nichts mehr zu tun haben“:

 

Die Rede ist vom Kirchenaustritt. Wie die persönliche Gefühlslage auch aussehen mag für die korrekte Abwicklung dieses Vorganges geht es nicht ohne Gericht. Im Bezirk des Amtsgerichts Düren kehren im Durchschnitt rund 600 Menschen pro Jahr ihrer Religionsgemeinschaft den Rücken zu. Wer sich zu dem Schritt des Austritts entschließt, kann zwar zu seinem Pastor oder Pfarrer beziehungsweise seiner Pfarrerin gehen. Die Seelsorger können versuchen, ihre Gemeindemitglieder umzustimmen. Ansonsten müssen sie auf die Zuständigkeit der Justiz verweisen.

 

Zunächst melden sich die Bürger in Raum E. 22 im Erdgeschoss des Gerichtsgebäudes. Dort werden sie gebeten, auf dem Flur gleich gegenüber die Gebühr von 30 Euro zu entrichten. Erst nach Vorlage des Personalausweises und der Quittung wird der Antrag zum Kirchenaustritt ausgefüllt.

Empfehlenswert ist es, das Familienstammbuch mitzubringen, denn in dem Antrag  werden einige Angaben abgefragt, die man nicht unbedingt im Kopf hat. Es gibt auch Leute, die sich aus ihrer bisherigen Kirche abmelden, um zu einer anderen Glaubensgemeinschaft zu konvertieren.

 

Wichtig ist das persönliche Erscheinen. Wer etwa außerhalb von Düren arbeitet und nicht selbst zum Gericht gehen kann, muss sich für den Schritt entweder frei nehmen oder aber an seinem Dienstort einen Notar aufsuchen. Einen Antrag zum Kirchenaustritt kann grundsätzlich jeder Erwachsene ab 18 Jahren stellen. Bei jungen Leuten zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr ist ein Austritt ohne Zustimmung der Sorgeberechtigten möglich.

Bei Kindern zwischen dem 12. und 14 Lebensjahr ist zum Austritt die Zustimmung – und Anwesenheit– des gesetzlichen Vertreters erforderlich. Kinder unter zwölf Jahren können sogar durch  Erziehungsberechtigte aus der Religionsgemeinschaft „abgemeldet“ werden. Bei Ehepaaren oder Geschiedenen, die gemeinsam das Sorgerecht haben, müssen in solchen Fällen übrigens beide bei Gericht erscheinen –  eine Vollmachtreicht in diesem Fall nicht.

 

Ein Rechtspfleger oder eine Rechtspflegerin prüft  den Antrag und genehmigt ihn.  Danach erhält der Antragsteller eine Ausfertigung, die er gut aufbewahren sollte, denn im Archiv des Gerichts werden diese Unterlagen nach zehn Jahren vernichtet. Weitere Ausfertigungen werden an die Kommunalverwaltung des Wohnortes, an die zuständige Kirchenverwaltung und an das Standesamt der Stadt oder Gemeinde geschickt, bei dem die Eheschließung erfolgte.

 

Die meisten Menschen, die aus der Kirche austreten, geben für diesen Schritt keinen konkreten Grund an.  Und die Mitarbeiter des Gerichts fragen nicht danach. Das wäre allenfalls ein inter-essanter Ansatzpunkt für den  zuständigen Seelsorger. Denn der erfährt bei Katholiken über das Bistum oder aber bei Pro-

tesanten über den Kirchenkreis, dass „eines seiner Schäfchen aus der Herde verloren gegangen ist“.

 

Hartmut Prüss, Niederzier, 2014

 

 
Friedrich Wilhelm IV von Preußen

 

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Papst Pius IX.
Papst Pius IX.

 

Als schwere Sünde beklagte der damalige Papst Pius IX. das von Preußen eingeführte Recht auf  Kirchenaus-tritten ausschließlich vor
einem Amtsgericht.